Den richtigen ETF finden: Warum der ETF egal ist (und worauf es wirklich ankommt)
💡In Kürze:
Vermögens-Mix schlägt ETF-Wahl: Deine Aufteilung auf Anlageklassen (Aktien, Anleihen etc.) entscheidet über den Erfolg Deines Vermögensaufbaus und Deines Ruhestands. Welchen konkreten ETF du nutzt, ist fast irrelevant.
Diversifikation entscheidend: Voraussetzung für den Erfolg ist u.a. die Diversifikation, um die Marktrendite der Welt (“Beta”) abzuschöpfen.
Priorität: Beschäftige Dich mit Deiner Risikotoleranz und der richtigen Aktienquote für Deine Lebensphase, weniger mit aktuellen Nachrichten und Markttiming.
Was entscheidet über Erfolg und Misserfolg beim Investieren? In einer Welt, in der Privatanleger und professionelle Marktteilnehmer gleichermaßen von einer Flut an Informationen überschwemmt werden, droht die wichtigste Erkenntnis der Portfoliotheorie in den Hintergrund zu rücken:
Die Verteilung des Kapitals auf verschiedene Anlageklassen – die Asset Allocation – ist für das langfristige Ergebnis weitaus bedeutender als die Auswahl der konkreten Instrumente innerhalb dieser Klassen.
Heißt konkret: wichtiger ist die Aufteilung zwischen Aktien, Anleihen und Cash (und weiteren Assetklassen wie Gold, Immobilien oder Krypto-Werten) als den “besten” Aktien-ETF zu identifizieren.
Die historische Grundlegung der Performance-Attribution
Die systematische Analyse dessen, was die Rendite eines Portfolios tatsächlich antreibt, nahm ihren Anfang in den 1980er Jahren. Bis zu diesem Zeitpunkt herrschte oft die intuitive Vorstellung vor, dass geschicktes Markttiming und die Auswahl unterbewerteter Wertpapiere die entscheidenden Faktoren für eine Outperformance seien. Diese Sichtweise wurde durch die empirische Forschung grundlegend in Frage gestellt.
Das Brinson-Hood-Beebower-Paradigma (1986)
Im Jahr 1986 veröffentlichten Gary P. Brinson, L. Randolph Hood und Gilbert L. Beebower (BHB) ihre Studie „Determinants of Portfolio Performance“ im Financial Analysts Journal. Die Autoren untersuchten die vierteljährlichen Renditen von 91 großen US-Pensionsplänen über den Zeitraum von 1974 bis 1983. Die zentrale methodische Innovation bestand darin, die Gesamtrendite eines Portfolios mathematisch in drei distinkte Komponenten zu zerlegen: die strategische Anlagepolitik (Investment Policy), das Markttiming und die Wertpapierauswahl (Security Selection).
Die statistische Auswertung führte zu einem Ergebnis, das die Investmentwelt nachhaltig prägte. Die Analyse ergab, dass im Durchschnitt 93,6% der zeitlichen Variabilität der Portfoliorenditen allein durch die strategische Asset Allocation erklärt werden konnten. Das bedeutet, dass die Schwankungen der Rendite eines typischen institutionellen Portfolios fast ausschließlich darauf zurückzuführen waren, wie viel Kapital in Aktien, Anleihen und Barmittel investiert war, und nicht darauf, welche spezifischen Aktien oder Anleihen gehalten wurden oder wann Käufe und Verkäufe stattfanden.
| Komponente der Performance (BHB 1986) | Anteil an der Varianz der Rendite |
|---|---|
| Strategische Asset Allocation | 93,6 % |
| Wertpapierauswahl | 4,2 % |
| Markttiming | 2,2 % |
Diese Zahlen illustrieren die enorme Hebelwirkung der Asset Allocation. Dennoch wurde die Studie oft missinterpretiert. Kritiker wie William Jahnke wiesen darauf hin, dass eine hohe Korrelation der zeitlichen Varianz () nicht zwangsläufig bedeutet, dass die Asset Allocation auch 93,6 % des absoluten Renditeniveaus bestimmt. Vielmehr zeigt sie, dass das Risikoprofil des Portfolios fast vollständig durch die Anlageklassenwahl definiert wird.
Dennoch bleibt die fundamentale Erkenntnis bestehen:
Wer die Asset Allocation ignoriert, missachtet den primären Treiber seines Portfoliorisikos.
Die Differenzierung des Erklärungsgehalts durch Ibbotson und Kaplan
Um die Missverständnisse rund um die „90-Prozent-Regel“ aufzuklären, führten Roger G. Ibbotson und Paul D. Kaplan im Jahr 2000 eine detailliertere Untersuchung durch. In ihrer Arbeit „Does Asset Allocation Policy Explain 40, 90, or 100 Percent of Performance?“ stellten sie fest, dass die Bedeutung der Asset Allocation stark davon abhängt, welche spezifische Frage der Anleger stellt.
Ibbotson und Kaplan analysierten Daten von 94 ausgewogenen Investmentfonds über zehn Jahre und 58 Pensionsfonds über fünf Jahre. Sie kamen zu dem Schluss, dass drei verschiedene Perspektiven unterschieden werden müssen, um die Rolle der Asset Allocation korrekt zu bewerten:
1. Die zeitliche Variabilität der Renditen
Die erste Frage lautet: Wie viel der monatlichen oder quartalsweisen Schwankungen der Rendite eines Fonds lässt sich durch die Marktbewegungen der gewählten Anlageklassen erklären? Hier bestätigten Ibbotson und Kaplan die Ergebnisse von Brinson et al. und fanden einen Wert von etwa 90 %. Für den individuellen Anleger bedeutet dies, dass sein kurzfristiges Erleben von Marktturbulenzen fast ausschließlich durch seine strategische Quote (z. B. 60 % Aktien / 40 % Anleihen) bestimmt wird.
2. Die Variation der Renditen zwischen verschiedenen Fonds
Die zweite Frage ist für den Vergleich von Investmentstrategien entscheidend: Warum schneidet Fonds A besser ab als Fonds B? Ibbotson und Kaplan fanden heraus, dass nur etwa 40% der Unterschiede in der Performance zwischen verschiedenen Fonds auf unterschiedliche Asset Allocations zurückzuführen sind.
Die verbleibenden 60 % der Unterschiede resultieren aus aktiven Managemententscheidungen, Gebührenstrukturen und der spezifischen Wertpapierauswahl. Dies erklärt, warum zwei Fonds mit der gleichen strategischen Ausrichtung dennoch sehr unterschiedliche Ergebnisse liefern können.2
3. Das absolute Renditeniveau
Die dritte und für den langfristigen Vermögensaufbau wichtigste Frage lautet: Welcher Anteil der Gesamtrendite, die ein Anleger über 10 oder 20 Jahre erzielt, ist das Ergebnis der Asset Allocation? Hier kamen Ibbotson und Kaplan zu einem bemerkenswerten Schluss:
Im Durchschnitt erklärt die Asset Allocation sogar 100 % des Renditeniveaus.
Dies liegt daran, dass sich die positiven und negativen Beiträge aus aktivem Management (Timing und Selektion) über große Gruppen von Anlegern hinweg gegenseitig aufheben, während die Marktrenditen der Anlageklassen (Beta) bestehen bleiben. Nach Abzug der Kosten für aktives Management liegt der Erklärungsbeitrag der Asset Allocation oft sogar bei über 100 % der tatsächlich erzielten Nettorendite.
| Ibbotson & Kaplan | Erklärungsanteil der Asset Allocation |
|---|---|
| Variabilität über die Zeit (R2) | ~90% |
| Variation zwischen Fonds | ~40% |
| Absolute Rendite | ~100% |
Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass die Asset Allocation zwar nicht alle Unterschiede zwischen Fonds erklärt, aber das einzige verlässliche Fundament für das Erreichen der angestrebten langfristigen Marktrendite darstellt.
Beta als Hauptrenditetreiber
Indem über die Asset Allocation die großen Weichen für den Vermögensaufbau und das Vermögensmanagement gestellt werden, wird das Ziel verfolgt, die Rendite der “Welt-AG” abzuschöpfen. In der Finanztheorie wird diese Marktrendite einer Anlageklasse als „Beta“ bezeichnet. Der Versuch, „Alpha“ (Rendite oberhalb des Betas durch Geschick) zu erzielen, ist ein Nullsummenspiel vor Kosten und ein Negativsummenspiel nach Kosten.
Da ETFs darauf ausgelegt sind, das Beta so kostengünstig wie möglich zu liefern, ist die Entscheidung, welche Betas man kauft (ergo die Asset Allocation), die einzige Entscheidung, die eine positive Renditeerwartung für das Gesamtsystem hat.
Aktuelle Studien weisen darauf hin, dass ein großer Teil dessen, was früher als Alpha von Managern angesehen wurde, tatsächlich durch systematische Risikofaktoren (Smart Beta) wie Größe, Wert oder Dynamik erklärt werden kann. Dies bedeutet, dass selbst die Entscheidung für einen „Faktor-ETF“, der genau diese Faktoren stärker abbildet als ein “normaler Welt-ETF” letztlich eine Erweiterung der Asset-Allocation-Entscheidung ist – man entscheidet sich lediglich für ein spezifischeres Beta.
Strategische Implikationen für die Portfoliokonstruktion
Aus der Dominanz der Asset Allocation ergeben sich klare Handlungsanweisungen für eine professionelle Vermögensverwaltung. Die Energie des Analyseprozesses sollte in einer hierarchischen Ordnung auf die Faktoren mit dem größten Einfluss konzentriert werden.
Die Hierarchie der Anlageentscheidungen
Festlegung der strategischen Aktienquote: Basierend auf dem Zeithorizont und der Risikotragfähigkeit ist dies die wichtigste Stellschraube, um die Marktrendite abzuschöpfen.
Globale Diversifikation: Die Verteilung über Regionen und Sektoren minimiert das Risiko spezifischer Markteinbrüche.
Kostenmanagement: Auswahl der kosteneffizientesten Wertpapiere zur Abbildung der gewählten Märkte - hinsichtlich der Kosten spielt die Wertpapierauswahl natürlich durchaus eine Rolle.
Steuerliche Optimierung: Nutzung von Freibeträgen und geeigneten Fondskonstruktionen.
Rebalancing-Regime: Definition von Schwellenwerten oder Zeitpunkten zur Wiederherstellung der Zielallokationen.
Fazit: Die Prioritäten des klugen Anlegers
Die Summe der Forschungsergebnisse führt zu einer unmissverständlichen Schlussfolgerung: Der Anlageerfolg ist kein Ergebnis von Einzelwetten oder der Entdeckung eines bestimmten ETFs. Er ist das Resultat einer disziplinierten, langfristigen Anlagestrategie, deren Fundament die strategische Asset Allocation bildet.
Die Auswahl zwischen einem weltweiten Aktien-ETF und einem anderen ist fast egal. Beide liefern das globale Aktien-Beta zu minimalen Kosten. Worauf es wirklich ankommt, ist die Entscheidung, ob man zu 50 %, 70 % oder 90 % am Produktivkapital der Welt beteiligt ist – und ob man die emotionale Stärke besitzt, diese Quote auch dann beizubehalten, wenn die Märkte turbulent werden.
Bei Nuvest achten wir darauf, genau diese Dinge in das Scoring eines Vermögens einzubeziehen: die Asset Allocation ist nicht nur die am stärksten gewichtete Kategorie, sondern die gesamte Kommunikation zum User ist auf die Portfolioebene ausgerichtet, um Klarheit und Fokus zu generieren.
